Logik trifft Logistik

8 Mannschaften – bestehend aus 4 Eisenbahnern und je einem Schach-Großmeister und 3 Nachwuchstalenten – aus 8 Ländern spielen in 2 Tagen um den Titel

Logik trifft Logistik

Die Teamkapitäne

6 Großmeister, eine Großmeisterin, ein Internationaler Meister und ein ehemaliger Weltmeister kämpfen mit ihrem Team um den Titel

Die Teamkapitäne

Der Kaiserbahnhof Potsdam

Die stilvolle Location: Der Kaiserbahnhof in Potsdam

Der Kaiserbahnhof Potsdam

Die Gleishalle

Die prächtige Gleishalle im Kaiserbahnhof ist gleichzeitig der Turniersaal

Die Gleishalle

Friederisiko

Die Ausstellung „Friederisiko“ in Potsdam zeigt Friedrich den Großen so, wie man ihn bisher noch nicht kannte (© SPSG)

Friederisiko

Ausstellung: »Emanuel Lasker: Denker Weltenbürger Schachweltmeister«

Die Emanuel Lasker Gesellschaft präsentiert erstmals den Grundbaustein ihrer neuen Wander-Ausstellung über den Schachweltmeister Emanuel Lasker.

Ausstellung: »Emanuel Lasker: Denker Weltenbürger Schachweltmeister«

Séance: „Philidor in Potsdam“

Ein Schachgenie wird wieder auferstehen: Blindsimultan an 3 Brettern mit Schachgroßmeister Stefan Kindermann in der Rolle des Philidor

Séance: „Philidor in Potsdam“

Ansprache in Potsdam anlässlich „Logik trifft Logistik – Trans Europa Schach Express“ vor der Siegerehrung - Herbert BASTIAN


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

die Veranstaltung an diesem Wochenende im schönen Kaiserbahnhof in Potsdam steht unter dem für die Außenwelt sicher treffenden Motto „Logik trifft Logistik“. Meine persönlichen Eindrücke möchte ich jedoch unter einem anderen Motto zusammenfassen, das sicher eine Rolle bei der Zusammensetzung der Teilnehmer- und Gästeliste gespielt hat. Dieses persönliche Motto lautet, „Vergangenheit trifft Zukunft“.


Dem französischen Schriftsteller und Politiker André MALRAUX (1901 – 1976) sagt man den Satz nach: „Wer in der Zukunft lesen will muss in der Vergangenheit blättern“. Lassen sie mich also für mein persönliches Fazit zuerst in die Vergangenheit schauen und dann den Blick in die Zukunft richten.


Die Geschichte des Schachspiels reicht gut anderthalb Jahrtausende zurück. Allgemein vermutet man seinen Ursprung in Indien, doch ein besonderer Gast dieser Veranstaltung versuchte in einem persönlichen Gespräch, das ich heute führen durfte, mich von etwas Anderem zu überzeugen. Dr. Thomas THOMSEN aus Königstein, der langjährige Präsident von Chess Collectors International, vertritt die Meinung, dass das Schachspiel aus Persien stammt, wo es seit dem 6.Jahrhundert belegt ist.


Mit Dr. THOMSEN konnte ich mich über eine weitere, wichtige Etappe austauschen. Das moderne Schach mit der Verlängerung der Gangart von Dame und Läufer ist sehr wahrscheinlich zwischen 1470 und 1490 im spanischen Valencia entstanden. Als Vorbild für die Schachdame, die fortan als Nachfolger des Wesirs zur mächtigsten Figur mutierte, vermutet man die Königin Isabella von Kastilien (1451 – 1504), die sich auch als Geldgeberin von Christoph KOLUMBUS (1486) einen Namen gemacht hat und ihm die Entdeckung der Neuen Welt ermöglichte. Die Frage nach dem Vorbild der Schachdame hatte die Schachhistoriker vor wenigen Jahrzehnten lange in Atem gehalten und wurde vor allem durch das Werk des Spaniers Ricardo CALVO (1943 - 2002) aufgeklärt. Einen herausragenden Schachhistoriker, mit dem ich über diese Fragen viel diskutiert habe und den ich schon lange kenne, dessen Engagement für die Pflege der Schachkultur und der Schachgeschichte ich sehr schätze, möchte ich in persona Dr. Michael NEGELE sehr herzlich begrüßen.


Geblättert haben wir bei François-André Danican PHILIDOR (1726 – 1795), dem besten Spieler des 18.Jahrhunderts. Ihm verdanken wir die damals neue Einsicht, dass die „Bauern die Seele des Spiels“ sind. PHILIDOR war ein berühmter Komponist, aber er verdiente zeitweise auch sein Geld in London als erster Berufsschachspieler. PHILIDOR weilte 1749 und 1751 am Hofe Friedrichs II (1712 – 1786) in Potsdam. Die beeindruckende Blindsimultanvorführung an drei Brettern mit Großmeister Stefan KINDERMANN, die wir miterleben konnten, stellte eine Szene aus der damaligen Zeit nach. Die Vorführung machte uns auf etwas Zukunft Weisendes aufmerksam. PHILIDORS Biographie wurde uns in einem bemerkenswerten Werk von Susanna POLDAUF überliefert. PHILIDORS „Muse“ Madame D., gespielt von Dijana DENGLER, und Susanna mit ihren interessanten Anekdoten vermittelten uns einen charmanten Eindruck davon, um wie viel reicher die Schachwelt sein könnte, wenn wir noch mehr Frauen für ein Engagement in der Schachorganisation mit all ihren Dimensionen gewinnen könnten.


Machen wir nun einen Schritt zu Dr. Emanuel LASKER (1868 – 1941), der die Schachwelt fast drei Jahrzehnte maßgeblich prägte. Sein Leben ist in einer interessanten Wanderausstellung dargestellt. Diese soll von Potsdam aus in den nächsten Jahren auf die Reise durch ganz Deutschland gehen. In seinem „Lehrbuch des Schachspiels“ von 1925 schreibt LASKER (S.282), dass die Erziehung zum Schach eine „Erziehung zum Selbst-Denken“ sein muss: „Ich möchte Schüler heranbilden, die das Vermögen haben, selbst zu denken und Kritik zu üben. Nicht bloße Begriffe, bloße Allgemeinheiten will ich sie lehren, sondern ihnen ein lebendiges Gut reichen, das wachsen und kämpfen, blühen und sorgen kann, und das Lebenskraft hat“ (S.203). Dies ist, etwas lebendiger und verständlicher als man es heute oft liest, nichts Anderes als eine Beschreibung des modernen Kompetenzbegriffes, der den Begriff der Lernziele in den letzten Jahren aus den Lehrplänen verdrängt hat!


An dieser Stelle möchte ich meinen Kollegen und Mitorganisatoren von der LASKER-Gesellschaft, Thomas WEISCHEDE und Paul Werner WAGNER alias Monsieur LÉGAL, herzlich für ihre wertvollen Beiträge zum Gelingen dieser Veranstaltung danken.


Die nächste Station meiner gedanklichen Reise durch die Schachgeschichte sind die Großmeister, die das Schachgeschehen in den Siebziger und Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bestimmt haben. Allen voran begrüße ich den 12.Schachweltmeister Anatolij KARPOW. Anatolij KARPOW pflegt traditionell gute Beziehungen zum Deutschen Schachbund und ist ein in Deutschland stets gern gesehener Gast. Es ist eine große Ehre für uns, dass er an diesem Wochenende unter uns weilt und die Mannschaft der Gäste aus Russland am Spitzenbrett verstärkt hat.


Meine nächsten Anmerkungen gelten einem deutschen Großmeister, der vielleicht nicht ganz die Bedeutung von Dr. Emanuel LASKER in der Schachwelt erreicht hat, sich aber ohne Zweifel über viele Jahre ganz oben in der Weltspitze etablieren konnte. Nach dem Interzonenturnier in Palma de Mallorca, das von Bobby FISCHER überlegen gewonnen worden war, las man in der Presse über diesen Großmeister, der den 2.-4. Platz mit LARSEN und GELLER teilte, das FISCHER-Zitat: „Robert HÜBNER gehört die Zukunft“! Robert HÜBNER erfüllte in den folgenden Jahren die Erwartungen und war 1980 sehr nahe dran, sich gegen Viktor KORTSCHNOJ als Herausforderer für Anatolij KARPOW zu qualifizieren. Bis 1990 nahm Robert HÜBNER viermal an den Kandidatenkämpfen um die Weltmeisterschaft teil und lag zeitweise auf Platz 3 der Weltrangliste hinter KARPOW und KORTSCHNOJ.


Robert HÜBNERS Autorität war in den damaligen Jahren in Schachdeutschland so gewaltig, dass die Gespräche verstummten, wenn der Meister den Raum betrat. Man könnte sich ja mit einem unbedachten Vorschlag ein Stirnrunzeln zuziehen … . Ich denke, dass es an der Zeit ist, das schachliche Lebenswerk von Dr. Robert HÜBNER für ein breiteres Publikum aufzuarbeiten. Gestatten Sie mir die Anmerkung, dass in dem wunderbaren Werk „The Mammoth Book oft the World´s Greatest Chess Games“ der drei Autoren Graham BURGESS, Dr. John NUNN und John EMMS unter den 125 Glanzpartien keine einzige von Robert HÜBNER zu finden ist. Schon das ist Grund genug, diese Tatsache zu hinterfragen und sich intensiver mit den Schachpartien von Robert HÜBNER auseinanderzusetzen.


Ein weiterer Großmeister aus dieser Generation weilt unter uns, der sich mit den beiden soeben Genannten viele Duelle geliefert hat und fünfmal an den Kandidatenkämpfen um die Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Mehrmals ist er erst im Kandidatenfinale gescheitert, und zwar gegen die Anwesenden Anatolij KARPOW und Nigel SHORT. Ich schätze Jan TIMMAN ganz besonders als Autor bemerkenswerter Schachbücher sowie als  Chefredakteur der Zeitschrift New in Chess und darf ihn herzlich begrüßen!


Nun möchte ich Ihnen einen Großmeister vorstellen, der 1977 nur sehr unglücklich im Viertelfinale der Qualifikation um die Weltmeisterschaft gegen Boris SPASSKY ausgeschieden ist. Sechsmal gewann er die Tschechische und dreimal hintereinander die Deutsche Meisterschaft. Vlastimil HORT hat an 14 Schacholympiaden teilgenommen und mit der Mannschaft sowie als bester Spieler an seinem Brett die Silbermedaille gewonnen. Vlastimil Hort hat Rekorde im Blindschach wie im Simultanschach aufgestellt und sich als wahrer Allrounder erwiesen. Seine Anwesenheit erfüllt mich mit besonderer Freude, da ich schon die Ehre hatte, am Brett gegen ihn antreten zu dürfen.


Das Thema Frauen im Schach habe ich bereits bei meinen Anmerkungen zu PHILIDOR angesprochen. Im Frühjahr dieses Jahres machte die junge chinesische Weltmeisterin YIFAN Hou von sich reden, als sie das Gibraltar-Open vor sehr starker männlicher Konkurrenz als Co-Siegerin beendete. Es bedurfte schon eines Vizeweltmeisters, um ihr den 1.Platz noch zu verwehren. Es war kein Geringerer als Nigel SHORT, der die Chinesin schließlich im fälligen Stichkampf stoppen konnte. Nigel SHORT hat in vielerlei Hinsicht Schachgeschichte geschrieben und meldet sich auch gegenwärtig in der internationalen Schachpolitik zu Wort. Wir freuen uns sehr, ihn unter uns zu haben!


So weit zu den Weltmeistern und Kandidaten der Vergangenheit. Diese treffen hier auf Weltmeister der Gegenwart und der Zukunft. Die Zukunft des Schachs soll stärker weiblich geprägt sein, so wünsche ich es mir, und das wäre sicher eine große Chance für unsere Vereine und damit auch für den Deutschen Schachbund. Wir hatten vor kurzem in Göttingen einen Kongress zum Frauen- und Mädchenschach, wo sich merklich eine Aufbruchsstimmung breit machte. Es ist mir deshalb eine besondere Freude, zwei weltmeisterliche Frauen vorstellen zu können, die uns als weibliche Leuchttürme dienen sollen. Elisabeth PÄHTZ hat zwei Jugendweltmeisterschaften gewonnen, in der U20 und in der U18. Elisabeth hat es 2007 als „Alpha-Mädchen“ auf die Titelseite des „Spiegel“ geschafft! Noch nicht ganz so weit ist Filiz OSMANODJA, die 2008 Vizeweltmeisterin in der U12 wurde. Filiz sehe ich als eine Repräsentantin der Zukunft des Deutschen Schachs.


Wenn wir von Zukunft reden, dürfen wir die nicht vergessen, die uns helfen die Zukunft zu bewältigen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie Sie sich erinnern wurde die Deutsche Nationalmannschaft am 11.11.11 erstmalig Europameister. Dieser Erfolg wurde nicht zuletzt durch den großartigen Einsatz unseres Sponsors UKA ermöglicht, deren Geschäftsführer ich hiermit herzlich begrüßen möchte. Gernot GAUGLITZ hat als starker Internationaler Meister eine erfolgreiche Schachvergangenheit hinter sich und als aktiver Bundesligaspieler noch eine erfolgreiche Schachgegenwart. Vor allem ist er ein erfolgreich in einem zukunftsweisenden Unternehmen und dennoch seinem Sport treu geblieben. Der Deutsche Schachbund bedankt sich bei Gernot GAUGLITZ für die bisherige, sehr angenehme und erfolgreiche Zusammenarbeit und darüber hinaus für die Bereitschaft, diese Zusammenarbeit auch in den kommenden Jahren fortzusetzen. Dies gibt dem Deutschen Schachbund berechtigte Hoffnungen auf eine erfolgreiche sportliche Zukunft!


Last but not least gehören dem eigentlichen Initiator dieser wunderbaren Veranstaltung meine letzten Dankesworte. Die Deutsche Bahn hat uns mit dem Kaiserbahnhof eine Räumlichkeit zur Verfügung gestellt, die uns mit ihrem großartigen Ambiente nicht nur verwöhnt und Maßstäbe für die Zukunft setzt. Auch hier gilt mein Motto „Vergangenheit trifft Zukunft“. Weltgeschichte ist hier an einem Ort bewahrt, wo Menschen fortgebildet und damit fit für die Zukunft gemacht werden. Und wenn wir erfahren, dass die zwei ausgestellten Eisenbahnwaggons baugleich mit den Waggons sind, mit denen LENIN 1917 nach Russland geschmuggelt wurde, dann schließt sich hier auf wunderbare Weise ein Kreis. LENINS Erscheinen in Russland löste die Russische Oktoberrevolution aus, ohne die der Aufstieg der Sowjetischen Schachschule und wahrscheinlich auch der von Anatolij KARPOW so wie wir ihn erlebt haben nicht stattgefunden hätte.


Und erneut trifft Vergangenheit auf Zukunft: Vor fast drei Jahrzehnten traf ich an der Universität des Saarlandes einen jungen Studenten, den ich als ausgezeichneten Schachspieler aus der Oberliga und von anderen Veranstaltungen her kannte. Ricky LUTZ galt als hoffnungsvolles, aufstrebendes Talent, dem man Großes zutraute. Lieber Richard, wer hätte es damals für möglich gehalten, dass wir uns nach so langer Zeit an dieser Stelle wieder treffen würden, nicht um über die Vergangenheit zu reden, sondern um gemeinsam ein Stück der Zukunft unseres geliebten Schachs zu gestalten? Die Zukunft des Schachs in Deutschland liegt in den Schulen und bei den Frauen. Wenn die Deutsche Bahn darüber nachdenkt, das Schach in den Grundschulen zu fördern, wo man Jungen und Mädchen noch in gleichem Maße ansprechen kann, dann tut sie etwas für die Zukunft des Schachs, und zwar nicht nur als Sport, sondern als wichtiges Bildungsgut. Das wäre eine sehr gute Investition in die Zukunft unserer Kinder, wie man an Deinem Beispiel am allerbesten erkennen kann! Schach lehrt denken und stärkt die sozialen Fähigkeiten und das Ego unserer Kinder!


Lieber Richard, im Namen des Deutschen Schachbunds sage ich Dir und Deinem ganzen Team, das diese Veranstaltung so souverän und charmant geplant und durchgeführt hat, meinen allerherzlichsten Dank! Die Deutsche Bahn AG hat sich an diesem Wochenende als ein modernes Unternehmen präsentiert, das den hohen logistischen Anforderungen jederzeit gewachsen war und sich höchsten Qualitätsansprüchen stellt. Und ein letztes Mal möchte ich mein Empfinden betonen, dass die Deutsche Bahn AG in vorbildlicher Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft zu verbinden versteht.


Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und die Gelegenheit, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

 

Herbert BASTIAN, Präsident Deutscher Schachbund